Der Orientalische Roller – König der Lüfte
Die erste Erwähnung des Orientalischen Rollers in der deutschen Fachliteratur erfolgte durch Baldamus 1878 in seiner Broschüre „Tauben und das übrige Ziergeflügel“. Er sprach von einer „neuerlich auch nach England importierten Rasse“. Wie viele andere Taubenrassen auch, gelangten die Orientalischen Roller damals über den Seeweg aus dem Orient zuerst nach England. Es dauerte nicht lange, und die neue Rasse landete auch an den Küsten des Festlandes. In England selbst konnte diese Rasse nicht so recht Fuß fassen. In Deutschland dagegen waren die Orientalischen Roller um 1900 die Sensation unter den Flugtaubenrassen. Das war einerseits dadurch bedingt, dass diese Rasse auch bei den einfarbigen Tieren einen hellwachsfarbigen Schnabel zeigte – was zu dieser Zeit ungewöhnlich war –, und andererseits durch einen völlig unbekannten Flugstil die Freunde des Taubenfluges begeisterte.
Die Orientalischen Roller waren den bekannten Hochflugrassen in der Flughöhe und der Flugdauer ebenbürtig, zeigten aber ein vielfältigeres Flugstilverhalten, als man es von den gewöhnlichen Tümmlern kannte. Die normalen Tümmler waren Tauben, die purzelten – d. h. sich über die Querachse nach hinten überschlugen – in einfacher oder auch mehrfacher Abfolge. Der Orientalische Roller hingegen zeigte Figuren über drei verschiedene Achsen und das in hoher Geschwindigkeit. Es bedurfte schon eines geübten Auges, diese Figurenvielfalt überhaupt richtig zu erkennen und einzuordnen. Wie die gewöhnlichen Tümmler überschlug er sich über die Querachse nach hinten und purzelte. Das jedoch in sehr schneller und häufiger Folge, sodass er dabei mitunter fast bis zur Erde herunterpurzelte.
Neben diesen Rückwärtsüberschlägen dreht sich die Taube auch mit breit gefächertem Schwanz und ausgebreiteten Flügeln um die senkrechte Achse. Das sieht aus, als wenn sie von unten aufgespießt wäre. Dabei lässt sie sich wie eine Scheibe schaukelnd um diese senkrechte Achse nach unten trudeln. Diese Figur nennen wir „Mühle drehen“.
Die absolute Besonderheit der Rasse war jedoch der Überschlag um die Längsachse des Körpers. Die Taube dreht sich dabei über die Flügel. Dies zeigte sie als Einlage beim Geradeausflug und insbesondere nur mit kurzen Unterbrechungen, in denen meistens ein Wechsel der Drehrichtung erfolgte, beim Sturzflug aus großer Höhe bis zur Erde. Dieses sich mit ausgebreiteten Flügeln und gestrecktem Körper um die eigene Längsachse Drehen nennt man Rollen – heute wird es zum Teil auch als Axialdrehung bezeichnet. Auf jeden Fall war diese besondere Figur für den Orientalischen Roller namensgebend. Die Flugfiguren zeigen die Roller häufig in schneller Abfolge nach- und durcheinander und mit ganz unterschiedlichen Übergängen, sodass sich daraus eine große Vielfalt an Flugbildkombinationen ergibt. Da diese Rasse seit jeher die einzige ist, die diese Vielfalt an Flugfiguren beherrscht, erhielt sie sehr viel Bewunderung durch die Betrachter und den Beinamen „König der Lüfte“!
Die Anlagen für diese artistischen Flugleistungen werden von den Elterntieren an die Nachkommen rezessiv vererbt. Dabei handelt es sich nicht um ein einzelnes Gen, sondern um mehrere Gene, die in ihrer Summe (additive Genwirkung) für die Vielfältigkeit des Flugbildes verantwortlich sind. Diese Aussage lässt sich treffen, weil wir heute Rassen kennen, die nur auf eine bestimmte Flugfigur des Orientalischen Rollers selektiert wurden. Sie stammen alle aus dem früheren Herkunftsgebiet unseres Orientalischen Rollers und wurden durch entsprechende Kreuzungen mit anderen lokalen Flugtaubenrassen aus dem Roller herausgezüchtet. Vornehmlich zeigen sie dabei das eigentliche Rollen – nämlich die Drehung um die Längsachse. Es sind deshalb Rollerrassen, die jedoch in der Flugszene in Deutschland aufgrund eines historischen Irrtums bei der Verwendung des Rollerbegriffes nicht als solche benannt wurden. Sie werden hier als Dreh-Sturzflugtauben bezeichnet.
An dieser Stelle müssen wir leider anmerken, dass die Figur des Rollens, die unserer Rasse den Namen gab, schon um 1900 herum nur von einer begrenzten Anzahl von Tieren im Bestand gezeigt wurde. Den Züchtern war schon zu jener Zeit klar, dass unbedingt eine fortlaufende Selektion auf dieses Merkmal zu erfolgen hat, damit es nicht tendenziell verschwindet. Da dies nicht in jedem Fall umgesetzt wurde, gab es schnell auch Bestände, in denen überhaupt keine Rollfiguren mehr gezeigt wurden.
In Anbetracht dieser Tatsache wurde schon im Jahr 1926 in einem Presseartikel behauptet, der Mehrfachüberschlag nach hinten – also mehrere Purzelüberschläge hintereinander – würde man als „rollen“ bezeichnen. Spätere Richtigstellungen in der Fachpresse, zum Beispiel durch den langjährigen Vorsitzenden und Mitbegründer unseres SV Paul Freisberg in seinem Artikel „Des Rollers Flug in Wort und Bild“ in der Geflügelbörse Nr. 1/1938, wurden leider von einigen bis jetzt nicht zur Kenntnis genommen. So gibt es heute noch einen Konflikt zu diesem Fachausdruck und eine Fehlorientierung in mancher Flugordnung.
Leider muss festgestellt werden, dass es in Deutschland wohl kaum noch eine Zucht Orientalischer Roller gibt, in der noch Tiere zu finden sind, die tatsächlich rollen. Diese Flugfigur ist uns züchterisch abhandengekommen. Ein Grund dafür ist darin zu sehen, dass das Rollen zu einem anderen Verhaltenskomplex gehört als alle anderen von unseren Tauben gezeigten Flugbilder. Es gehört zum Verhaltenskomplex des Fluchtverhaltens, im Besonderen des Feindmeideverhaltens. Die rasend schnell durchgeführten Axialdrehungen während des Sturzfluges dienen nämlich der Irritierung der Beutegreifer und der Reduzierung der Zugriffsmöglichkeiten der Raubvögel. Alle anderen Flugfiguren gehören zum Verhaltenskomplex des Geschlechtsverhaltens, im Besonderen zum Balz- oder Imponierverhalten.
Dennoch ist festzustellen, dass der Orientalische Roller unter den Kunstflugtaubenrassen aufgrund der Vielfalt seiner Flugbilder immer noch unangefochten die Nummer 1 ist. Das wird jeder bestätigen, der einmal einen größeren trainierten Stich oder auch einen Abnahmestich (3 Tauben) Orientalischer Roller hat fliegen sehen.
Wir können heute davon ausgehen, dass nicht jeder Vertreter dieser Rasse die gleiche Anzahl von Genen für die Flugleistungen in sich trägt. Es ist durchaus auch möglich, dass selbst aus Elterntieren, die eine hervorragende Vielfältigkeit im Stilflug zeigen, Jungtiere fallen, die wenig Ambitionen auf einen Stilflug besitzen. Dafür sind es meistens diejenigen, die als Erste in große Höhe streben und damit den ganzen Stich in die Oberluft ziehen. Insofern sind sie dann auch während der Trainingszeit der Jungtiere noch recht gut zu gebrauchen, für die Zucht taugen sie aber nicht.
Hieran lässt sich schon erkennen, dass es für eine Leistungszucht am sichersten ist, alle Jungtiere einer Eigenleistungsprüfung zu unterziehen, bevor sie zur Zucht Verwendung finden können. Andererseits können auch Tiere, die niemals im Leben die Möglichkeit hatten, ihre Flugleistung sichtbar zu entwickeln, hervorragende Vererber hinsichtlich des Stilfluges sein.
In manchen unserer Zuchten sind bestimmt noch viele Leistungsträger hinsichtlich der Flugeigenschaften unserer Rasse unentdeckt vorhanden. Die Volierenhaltung, die vielen von uns durch sehr unterschiedliche Umstände aufgezwungen ist, ändert nichts daran, dass unsere Rasse diese Leistungsanlagen in sich trägt. Ich konnte dies den ewigen Zweiflern in der Flugtaubenszene eindringlich beweisen, als ich einige Jahre Mitglied im Deutschen Hochflugclub wurde und dort und im VTD in den Jahren 2008–2010 die Deutsche Meisterschaft im Kunstflug mit meinen sogenannten „Schaurollern“ gewinnen konnte.
Die Eltern und deren Vorfahren der Jungtiere, mit denen ich diese Meisterschaften bestritt, waren dabei auch mehr als zehn Generationen nur noch in der Voliere gehalten worden. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Orientalischen Roller rasserein sein müssen. Jede Kreuzung mit einer anderen Rasse wird hier sofort offenbar. Da der Orientalische Roller in seinen Flugleistungsanlagen einzigartig ist, wird er bei jeder Kreuzung genetischen Schaden nehmen.
Meine Jungtauben jedenfalls dürfen den Freiflug genießen und sich ihren Anlagen gemäß entwickeln. Mit dem Verlustrisiko durch Greifvögel muss und kann man leben. Wir sind doch sowieso gezwungen, den wohl überwiegenden Teil unserer Nachzuchttiere zu selektieren. Die Zuchttiere, die aus diesen Jungen hervorgehen, werden es uns mit Gesundheit und einer reichlichen Nachzucht mit hervorragenden Kunstfluganlagen danken.
Nachfolgenden Züchtergenerationen sind wir verpflichtet, diese einmalige Rasse in ihrer Schönheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten.
Dr. Günther Gehre
